Vielleicht kennt ihr diese Sitation auch: Ihr steht im Geschäft und im Regal liegten Knäule. Auf der Banderole steht rießig und fett gedruckt Baby-Merino Handstrickgarn. Ihr holt das Garn heraus, dreht es um und werft einen Blick auf die Zusammensetzung. Bei dem Garn handelt es sich um eine Mischung aus 80% Wolle und 20% Kunstfaser. Aber warum wird eigentlich Wolle mit Kunstfasern gemischt?

Heute gehe ich der Frage auf die Spur, warum Hersteller Kunstfasern unter hochwertige Fasern mischen.

Warum werden kunstfasern mit Wolle gemischt

Ein Blick auf die Garnbanderole verrät euch einiges über das Knäuel. Neben Lauflänge und Gewicht, könnt ihr darauf auch ablesen, woraus euer Garn genau besteht. Es gibt drei große Kategorien in die sich Fasern einordnen lassen. Tierische Fasern (wie Schaf, Alpaka,…), künstliche Fasern (u.a. Polyamid, Elasthan) und Pflanzenfasern (wie Bambus, aber auch Fasern auf pflanzlicher Basis wie Viscose).

Häufig findet ihr aber auch Garne, die mehrere Faserkategorien miteinander vereinen.

Kunstfasern- was ist das?

Spricht man von Kunstfasern, sind Fasern oder Textilien gemeint, die durch einen chemischen Verarbeitungsprozess aus Erdöl, Erdgas oder Kohle hergestellt werden. Neben diesen klassischen künstlichen Fasern gibt es auch noch so genannte “Regeneratsfasern”. Diese werden auch durch chemische Prozesse gewonnen, ihr Grundstoff ist jedoch pflanzlicher Herkunft. Zu dieser Gruppe gehört beispielsweise Viskose, Lyocell oder Modal. Diese zellulose-basierten Fasern blende ich für diesen Artikel aus. Es geht lediglich um  Polyamid, Polyacryl, Polyester und Elasthan.

Diese vier bezeichnungen Findet ihr besonders häufig auf Banderolen. Durch ihre verschiedene Eigenschaften lassen sie sich für unterschedliche Zwecke einsetzen.

Polyamid

Polyamid ist auch bekannt unter den Begriffen Perlon oder Nylon. Dieses Material ist besonders reißfest und und wird darum oft Sockengarnen beigefügt. Perlon ist relativ steif, ein hoher Anteil an Polyamid kann dafür sorgen, dass das Garn kratzig wird.

Polyacryl

Polyacryl (oder Dralon) ist eine Erfindung der 1940er Jahre. Es ist eine Faser, die sehr häufig in der Bekleidungsindustrie Anwendung findet. Im Handstrickbereich ist das Material besonders wegen seinen wollähnlichen Eigenschaften geschätzt. Garne aus diesem Material zeichnen sich in ihrer Haptik durch einen weichen Griff aus und wirken wärmend. Daher fühlen sich Gewebe aus reinem Polyacryl ähnlich wie Wollgewebe an, haben aber ein deutlich leichteres Gewicht. Zudem sind diese künstlichen Fasern sehr unempfindlich, nehmen kaum Wasser auf (weshalb sie schnell trocknen) und sind allgemein sehr pflegeleicht. Die Faser eignet sich nicht nur als alleiniger Bestandteil von Garnen, gemischt mit hochwertigeren Fasern, senkt sie den Preis für den Endkunden.

Polyester

Polyester ist  eine Faser, deren positive Eigenschaften sich in einer hohen Reißfestigkeit und Strapazierfähigkeit äußern. Die Faser nimmt nur wenig Feuchtigkeit auf und wird daher auch für Sportkleidung genutzt.

Bei Garnen findet Polyester als glitzerndes Beilaufgarn Anwendung. Genauso ist es aber beliebt als Beimengung oder gar alleiniger Fasertyp. Polyestergarne sind haptisch deutlich von tierischen Fasern zu unterscheiden. Durch die hohe Formstabilität des Materials können Strick- oder Häkelstücke als unangenehm und kratzend wahrgenommen werden.

Elasthan

Elasthan ist eine sehr dehnbare Faser, die vergleichbare Eigenschaften wie Gummi aufweist. Aufgrund dieser Ausgangseigenschaften wird Elasthan nur als Beimengung für andere Fasern genutzt. Besonders oft findet es sich beispielsweise in Sockenwolle um dort ein gewisses Maß an Flexibilität zu erreichen.

Kunstfasern in Handstrickgarnen

Welche Rolle spielen Kunstfasern in Handstrickgarnen?

Kunstfasern werden anderen Fasertypen aus bestimmten Gründen beigemengt, oder sie ersetzen den Einsatz von Naturfasern vollständig. Im Folgenden gebe ich einen Überblick, welche Rolle und Bedeutung sie in Handstrickgarnen spielen.

Optische Effekte wie Glitzer

Garne mit eingezwirnten Goldfäden oder anderem Flitter sind ohne Frage sehr schick, allerdings sind diese glänzenden und schimmernden Beilauffänden aus Kunstsoff, der auch auf der Banderole aufgeführt werden muss.

Zudem gibt es schöne Effektgarne, wie beispielsweise Teddy- und Fake-Fur-Garne oder Schwammgarne, die aus reinen Kunstfasern bestehen und die es auf die gleiche Weise mit natürlichen Fasern nicht geben würde.

Erhöhte Reißfestigkeit und Wiederstandsfähigkeit

Doch nicht nur um Garne optisch etwas aufzuhübschen wird auf Kunstfasern zurückgegriffen. Häufig bieten Kunstfasern Eigenschaften, die die reine Naturfaser nicht aufweist. So sollen Garne beispielsweise widerstandsfähiger gemacht oder am verfilzen gehindert werden.

Die Superwash-Ausstattung (Hercosett-Verfahren)

Wollfasern neigen aufgrund ihrer Oberfläche dazu zu filzen. Das Ergebnis ist das berühmt berüchtigte Einlaufen nach dem Waschen. Um das zu verhindern, werden Wollfasern, besonders für Babykleidung oder Socken, mit einer Schicht aus Kunststoff ummantelt. Dieser Vorgang wird auch Hercosett-Verfahren genannt. Garne die dieser Behandlung unterzogen wurden, bekommen oft das Label Superwash oder Filzfrei.

Preisgestaltung

Fasern tierischer Herkunft sind häufig eine hochpreisigere Angelegenheit. Immerhin müssen die Tiere vorab gepflegt, gefüttert und geschoren oder gekämmt werden. All diese Arbeitsschritte kosten Geld und Ressourcen, die sich später auf den Preis des Rohmaterials auswirken. Neben klassischer Schafswolle sind in den letzten Jahren auch zunehmend mehr Premium Fasern wie Yak, Kamel, Kaschmir in den Fokus der Garnhersteller und Strickliebhaber gerückt. Für reine Yak-Wolle sind Preise zwischen 15 und 20€ pro 50g nichts ungewöhnlich. Längst kann sich aber nicht jeder Kunde diese Preise leisten. Um die Kunden hier etwas zu entlasten, werden teurere Fasern auch mit günstigeren künstlichen Alternativen gestreckt.

Zudem ist gerade eine große Nachfrage nach Naturfasern am Markt, was den Preis für die Rohprodukte nochmals steigert. Aus diesen Gründen gehen die Hersteller dazu über Naturfasern mit künstlichen Teilen zu strecken. So wollen sie den Kunden die Eigenschaften der Naturfasern bieten, den Preis jedoch in einem Rahmen halten, der nicht zu sehr im Luxussektor angesiedelt ist.

Bei Garnen die aus 100% Kunstfasern bestehen, spielt die Frage nach dem Preis ebenfalls eine wichtige Rolle. Diese Garne sind in der Regel deutlich günstiger als Garne aus oder mit Naturfasern.

Sonstige Gründe für den Einsatz von künstlichen Fasern

Neben den oben aufgeführten Gründen gibt es natürlich noch einige weitere Gründe, warum Kunstfasern so beliebt sind. Sie eignen sich in der Regel gut für Menschen, die auf Tierhaar allergisch reagieren, oder vegan leben wollen, aber dennoch auch das Echtwoll-Feeling, das Polyacryl bietet, nicht missen wollen. Auch Einsteiger können von den Eigenschaften von Kunstfasern anfangs profitieren: Das Material ist widerstandsfähig und lässt sich in der Regel leichter ribbeln als Wolle. Die Fasern nehmen hier nicht so großen Schaden.

Die Frage der Nachhaltigkeit und Qualität

Grundsätzlich haftet Kunstfasern ein eher problematisches Image an. Gerade in einer Zeit, in der ZeroWaste und die Reduktion von Kunststoffen im Alltag immer wichtiger wird, gerät Garn mit einem hohen Anteil chemischer Fasern immer mehr in einen kritischen Blickwinkel. Wenn man sich mit Kunstfasern auseinandersetzt, muss man auch die Kontra-Argumente betrachten.

Kunstfasern haben einige kritische Eigenschaften, die klar gegen ihren Einsatz sprechen. Sie verfügen über eine schlechtere Wärmeleitfähigkeit. Zudem sind gerade 100%ige künstliche Fasern nicht immer angenehm zu tragen. Sie nehmen schnell unangenehme Gerüche an und sind häufig steifer im Tragegefühl.Darüber hinaus geben Kunstfasern beim Waschen permanent Micro-Plastik Partikel ans Wasser ab, die so klein sind, dass es aktuell nicht möglich ist, sie wieder herauszufiltern.

Andererseits können Kunstfasern Garne in einem gewissen Rahmen aufwerten. Kaum jemand würde ein Effektgarn mit Glanzfaden als billig oder qualitativ minderwertig bezeichnen. Auch erfreuen sich Garne mit Superwash-Ausstattung großer Beliebtheit, da sie auch weiche und empfindliche Fasern widerstandsfähiger machen und leichter waschbar sind.

Gerade auch die Mischung von Premiumfasern wie Yak oder Alpaka mit Polyamid, ermöglicht einer breiteren Masse an Verbrauchern den günstigen Zugang zu diesen hochwertigen, tierischen Fasern, die anders für viele kaum finanzierbar sind.

Plastik in Handstrickgarnen- darum werden die Kunstfasern untergemischt

Mein persönliches Fazit

Schlussendlich ist es eine sehr persönliche Frage, ob man auf künstliche Fasern verzichten möchte und auch, ob man es aus finanzieller Sicht kann.

Ich persönlich verzichte so gut es geht auf Kunstfasern. Das heißt zwar nicht, dass ich hier vollkommen asketisch lebe. Allerdings kaufe ich mir immer weniger Garne mit Kunstfaser Beimengung. Ich mag schlicht die Haptik nicht und finde tierische Fasern angenehmer auf der Haut.

Wie ist es bei euch? Habt ihr euch schon mal Gedanken über den Kunstfaser-Anteil in eurem Garn gemacht? Benutzt ihr synthetische Fasern und Garne vielleicht sogar ganz gerne, oder meidet ihr sie?

Kunstfasern in Handstrickgarnen- warum plastik mit hochwertigen Fasern gemischt wird
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