Am vergangenen Wochenende war einiges los in der deutschsprachigen Handarbeitswelt. Kern des Ganzen waren handgefärbte Garne. Es ging um HandfärberInnen, Nachhaltigkeit und Regionalität, aber auch um Verfügbarkeiten und finanzielle Möglichkeiten von Kundinnen im Hinblick auf Garne.

Handgefärbte Garne, Regionalität und Nachhaltigkeit

Nachdem es heiß her ging und von vielen Seiten eine Menge guter Einwände und Ergänzungen kamen, habe ich schon bei Instagram eine Story zum Thema verfasst. Aber weil ich auch hier immer wieder die Themen Nachhaltigkeit und Co behandle, wollte ich hier noch etwas ins Detail gehen.

Meine erste Idee, war tatsächlich alles Wichtige in einen Beitrag zu packen, aber das hätte hier jeden Rahmen gesprengt. Zu kürzen würde dem Thema aber auch nicht gerecht werden. Darum geht es hier nur um die Aspekte, die sich auf Handfärbungen beziehen.

Was ist passiert?

Leider ist nicht mehr alles online und nachlesbar, darum hier nur kurz als Zusammenfassung.

Eine Designerin brachte das Thema Handfärbungen auf. Sie setzte sich für den Kauf bei lokalen Färberinnen ein und lehnte in ihrem Beitrag die Ansätze einiger Marken (einer im aktuellen Fall) Handdye Garne zu vertreiben, ab. In ihrer Argumentation ging sie auf verschiedene Aspekte ein, z.B., dass diese Firma in Indien produzieren lasse. Ich kann den genauen Inhalt nur noch Grob wiedergeben, darum sollte  das als Zusammenfassung erst einmal reichen.

Im Folgenden setzten sich immer mehr Färberinnen, Bloggerinnen und Produzenten mit dem Thema und seinen verschiedenen Aspekten auseinander. Dabei wurden mehrere Themen angesprochen, die im ursprünglichen Post gar nicht aufgetaucht sind.

Konkret ging es um die Themen:

– Handwerk vs. Industriefertigung

– Nachhaltigkeit von Produktion und Verarbeitung

– Erschwinglichkeit und Exklusivität von Garnen

Handgefärbte Garne, Regionalität und Nachhaltigkeit

Handdye als Handwerk

Zu Garnen von Handfärberinnen kann ich nicht viel sagen. Ich verarbeite kaum bis keine fancy-sprenkel-farbverlauf Handdye Garne- weder von großen Firmen, noch von kleinen Indie-Färberinnen. Ich färbe selbst, wenn ich einen bestimmten Farbton brauche, den es so nicht gibt (wie z.B. meine dünnen Häkel-Baumwollgarne). Aber ich weiß, wie viel Arbeit das ist und wie viel Know-How dahinter steht. Die Handfärberei ist ein Handwerk und ich persönlich finde, Handwerk sollte immer fair bezahlt werden.

Handgefärbte Garne als Massenprodukt?

Nun kommen seit den letzten Monaten und Jahren auch immer mehr größere Firmen mit Handdye Garnen und Handdye Look-Alikes auf den Markt. Diese sind entweder industriell im Handdyelook gefärbt, oder werden im Ausland von Hand gefärbt. Diese Garne sind aufgrund von Masse, Produktionsweise und Lohnunterschieden meist günstiger als Handfärbungen von der Färberin im Ort.

Einer der Hauptkritikpunkte ist nun, dass diese Firmen damit eine günstige Konkurrenz zu den lokalen HandwerkerInnen darstellen und diesen so die Kunden streitig machen. Ein weitere Punkt ist auch, dass viele Färberinnen und Kleinproduzenten, die bewusst auf individuell handgefärbte Garne umgestellt haben, nun befürchten, das neue Interesse an Handfärbungen bedeutet, dass noch viel mehr Firmen darauf umsatteln und auch von der Vorarbeit der kleineren Betriebe profitieren, ohne dass die kleineren Handwerksstätten am Kuchen beteiligt werden.

Die Sorgen und Befürchtungen lassen sich nicht von der Hand weisen. Gerade aktuell ist es für viele nicht einfach, hochwertiges und teures Garn zu kaufen. 2020 hat für viele Menschen Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit im Gepäck. Und auch viele Jobs stehen auf der Kippe und das in allen Bereichen. Handarbeit ist für viele eine Tätigkeit, mit der sie sich durch diese Zeit retten. Aber der finanzielle Aspekt ist nicht zu vernachlässigen. Günstige Garne können also durchaus attraktiv sein.

Eine Frage der Zielgruppe?

Andererseits stellt sich die Frage der Zielgruppe. Sind KäuferInnen der Marke auch die Personen, die sonst Handdye kaufen würden? Würden eingefleischte Handdye-Fans auf eine Marke umswitchen und ihrer Haus-Färberei untreu werden?

Ich kenne mich im Handdyebereich nicht gut genug aus um hier eine abschließende und unumstößliche Antwort zu geben. Aber was ich in den Gruppen bei FB beobachten kann, sind Personen, die Handfärbungen bevorzugen nicht 1:1 die Zielgruppe der großen Firmen. Ja, es gibt eine Mischmenge, aber einige treue Kundinnen des fraglichen Garnherstellers haben sicher noch nie eine Handfärbung bewusst in den Händen gehalten. Es besteht also durchaus die Möglichkeit, dass bei der ein oder anderen Kundin das Interesse geweckt wird, wenn sie erst einmal Kontakt zu Handfärbungen hatte.

Fakt ist allerdings, dass der Markt enger wird, wenn sich vermehrt große Firmen auf diesen kleinen Bereich fokussieren. Eine einfachere Verfügbarkeit, ein günstigerer Verkaufspreis und eine ungleich größere Werbemaschinerie erlaubt einen großen Garnhersteller deutlich mehr Menschen zu erreichen.

Handdye, Regionalität und Nachhaltigkeit

Lokale Handfärberinnen= regionales und nachhaltiges Produkt?

Ein weiterer Punkt, der sich ergibt, ist die Frage der Regionalität. Ist ein Produkt, welches im Nachbarort von der Bekannten einer Bekannten gefärbt wird wirklich nachhaltiger als ein Garn eines großen Herstellers? So pauschal lässt sich das nicht mit ja oder nein beantworten. Es spielen so viele Aspekte in diese Frage, dass ich daraus eine komplette Beitragsserie machen könnte.

Natürlich unterstützt ihr beim Kauf vor Ort von der Färberin einen kleinen lokalen Handwerksbetrieb. Und wenn ihr Glück habt, bezieht diese Färberin ihr Rohmaterial von einem Hersteller, der seine Produktion zertifiziert hat. Allerdings stehen diese Garne, denen eines großen Herstellers, der unter vergleichbaren Bedingungen produziert erst einmal in nicht viel nach. Teilweise kann es sogar passieren, dass der Ursprung des Garns der gleiche ist.

Das Rohmaterial muss so oder so durch die halbe Welt geflogen werden. Erzeuger, Hersteller, Färberei, und überall benötigt es Produktionsschritte, die wiederrum ein globales Netz voraussetzen. Um hier gegeneinander aufzurechnen braucht es viel mehr Infos. Jeder einzelne Produktionsschritt müsste betrachtet und gewichtet werden.

Welche Optionen bleiben?

Schlussendlich haben es die KonsumentInnen in der Hand- also wir alle. Garne von großen Herstellern sind nicht per se schlechter, förden nicht zwangsweise und immer Tierleid oder Ausbeutung. Und andererseits beziehen nur Teile der Handfärberinnen wirklich lokale Garne von deutschen Schäferreien und Tierhaltungen, und sicher auch nicht längst alle achten auf die tierleidfreie Herkunft ihrer Garne. Es macht also keinen Sinn eine pauschale Empfehlung rauszuhauen, wie „kauft nur bei Handfärberinnen in der Region“. Die Einzige pauschale Empfehlung die ich geben kann ist : informiert euch. Woher kommen die Garne, sind sie zertifziert und auch, was liegt in eurem persönlichen Spielraum.

Handdye, Regionalität und Nachhaltigkeit

Mein persönliches Fazit zum Thema handgefärbte Garne

Die Handfärberrei ist ein Handwerk. Auch wenn ich persönlich aktuell nicht viel mit handgefärbten Stücken anfangen kann, finde ich Handwerk sollte fair entlohnt werden. Ich verstehe, dass sich die Handfärber-Community nicht gerade über die Erweiterung des Sortiments von großen Marken freut. Der Markt ist verhältnismäßig klein, die Angst von diesem verdrängt zu werden ist durchaus real.

Allerdings sehe ich auch genug Kundinnen, die es finanziell nicht leisten können sich einen Pullover aus exklusiven und handwerklich pefekt ausbalancierten, handgtefärbten Garnen herzustellen. Für diese sind günstige Alternativen eine Option- und möglicherweise auch ein Appetizer der sie auf kurz oder lang in die Arme von Handfärberinnen treibt.

Eine tolle Aktion wäre auch ein Feature einer großen Marke mit mehreren Handfärberinnen- Material und Werbeplattform einer Firma, ein bestimmtes Thema oder eine Farbpalette und viele individuelle Stränge.

Ich bin in einer finanziell sicheren Position. Aus dieser heraus würde ich mich tendeziell für das Produkt entscheiden, bei dem ich ein gutes Gewissen habe, weil es unter bestimmten Richtlinien hergestellt wurde oder einen besonderen Aspekt auf Regionalität legt. Allerdings habe ich die Perfektion nicht gepachtet. Auch ich arbeite noch immer mit Garnen, die meine eigenen Ansprüche nicht immer voll erfüllen. Ich bin also eine der letzten Personen, die sich anmaßen sollte mit erhobenem Zeigefinder, die auszuschimpfen, die nicht immer nach ethischen, umweltorientierten und lokalen Aspekten einkaufen (können). Und das will ich auch nicht. Das ist weder die Absicht hinter diesem Beitrag noch hinter einem der anderen Artikel, die ich zu Themen wie Nachhaltigkeit oder auch ZeroWaste verfasst habe

Generell finde ich es gut, dass dieses Wochenende eine solche Debatte aufgekommen ist (unabhängig mal von den anderen Bedingungen und Umständen). Da sich so viele Seiten eingeschalten haben, wurden auch viele verschiedene Zielgruppen darauf aufmerksam. Es wäre also schön, wenn dieses Thema auch zukünftig mehr Aufmerksamkeit genießt.

Weitere Infos

Hier auf dem Blog gibt es eine menge Beiträge, die sich mit den Aspekten Tierwohl, Umwelt und Regionalität befassen. Lest gerne einmal hinein und verschafft euch einen Überblick:

Regionale Garne- wie Nachhaltig kann Handarbeit sein

Mulesing- was ist das

Qualitätsiegel von Garnen- GOTS und Co

Tierische Fasern- eine kleine Übersicht

Hochwertige Garne für kleines Geld- so könnt ihr sparen

Wie steht ihr zu dem Thema? Habt ihr die Diskussion mitbekommen?

1 Comment on Handgefärbte Garne- kleine Handwerksstätte oder großer Hersteller

  1. Hallo Jasmin, ich habe die Diskussion am Wochenende auch mit großem Interesse verfolgt. Spannend, wie viele verschiedene Aspekte da aufgegriffen werden. Am Ende bleibt einem wirklich nur, sich selber zu informieren und dann zu entscheiden, was man möchte und mit den eigenen Ansprüchen vereinbar ist. Vielen Dank für den post, ich werde wohl auch noch etwas recherchieren und dann mal einen Artikel schreiben. Hab eine schöne Woche

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