Vegan Häkeln und Stricken

Es gibt sicher verschiedene Gründe, bewusst auf tierische Produkte zu verzichten, aber bedeutet ein veganer Lebensstil auch, dass man aufs Häkeln oder Stricken verzichten muss? Ganz und gar nicht!

Auf welche veganen Alternativen ihr zurückgreifen könnt, und warum ihr auch als Nicht-Veganer euren Umgang mit tierischen Fasern hinterfragen solltet, verrate ich euch heute.

Eines vorweg: Ich lebe selbst nicht vegan, auch wenn ich in den letzten Jahren deutlich weniger Fleisch und Milchprodukte konsumiere, verzichte ich nicht komplett darauf. Auch arbeite ich sehr gerne mit hochwertigen Wollfasern. Da ich aber sehr viele vegan lebende Menschen in meinem Umfeld habe, die sich doch ab und an mal gestrickte Socken oder Stirnbänder wünschen, habe ich mich mit veganen Alternativen befasst.

Problemstoff Wolle

Selbst wenn ihr nicht vegan lebt, lohnt es sich doch, sich Gedanken über das Material zu machen, dass man verarbeitet.

Wolle ist ein gefragter Stoff für die Kleidungs- und Textilindustrie. Dies lässt sich auch mit den natürlichen Eigenschaften von Wolle erklären: Sie ist Temperaturausgleichend, wärmt wenn sie feucht ist, und wächst vor allem nach. Daher herrscht ein unglaublich großer Bedarf an diesem Grundstoff- nachhaltige Tierhaltung hat jedoch ihren Preis- ob tierorientierte Haltung und ein hoher Produktionsdruck tatsächlich vereinbar sind, lässt sich für den Endverbraucher nicht restlos herausfinden oder nachvollziehen. Dennoch gibt es einige Indizien, die darauf hinweisen, dass Wollprodukte oftmals auch mit Tierleid verbunden sind.

Vielleicht habt ihr schon von Mulesing gehört, was besonders in der Merino-Schafzucht in Australien ein Problem darstellt. Hierbei werden Lämmern ohne Betäubung und Schmerzmittel, Teile der Haut um den Schwanz abgeschnitten. Dies soll dazu dienen die Schafe vor einem Fliegenmadenbefall zu schützen, der lebensgefährliche Entzündungen hervorrufen kann. Dennoch ist die Praxis, den Tieren die Haut einfach so zu entfernen mehr als umstritten und in meinen Augen grausam.

Aber selbst wenn Ihr auf mulesingfreie Wolle achtet, heißt das noch nicht, dass die Schafhaltung idyllisch abläuft. Auch Schafe, die in Europa leben, bekommen als Schutz vor Infektionen den Schwanz kupiert. Hinzu kommt, das Schafe so gezüchtet wurden, dass sie extrem viel Wolle produzieren- werden sie nicht geschoren, wächst das Gewicht dieses Fellbewuchses so stark an, dass das Schaf nicht in der Lage ist, dieses Gewicht zu tragen oder für einen vernünftigen Temperaturhaushalt zu sorgen.

In einigen Ländern wird die Schafschur nicht nach Zeit, sondern nach Gewicht bezahlt- je mehr Wolle in kürzerer Zeit vom Schaf geschnitten wird, desto höher der finanzielle Gewinn. Somit gilt es pro Schaf die Zeit so gut wie möglich zu minimieren, was für einen groben Umgang mit den Tieren sorgt. Da Schafe Fluchttiere sind, könnt ihr euch also vorstellen, wie problematisch die Schur sein kann.

Aber neben der  Problematik im Umgang mit den Tieren, gibt es noch einen weiteren Faktor, der bei der Schafzucht und Wollproduktion nicht außer Acht gelassen werden darf- Schafe brauchen Platz und produzieren Methan- so belasten sie nicht nur die Klimabilanz negativ, sondern blockieren auch große Flächen an Land, das anderweitig genutzt werden könnte.

So schön Wolle als Material auch ist, solltet ihr euch trotzdem bewusst machen, dass gutes und tierfreundlich produziertes Material seinen Preis (zurecht) hat.

Vegane Alternativen

Die Liste an veganen Alternativen ist lang- und die Auswahl wächst weiterhin. Auch bietet veganes Material viele Vorteile, die Wolle auch bereit hält.

Im Vorfeld für meine Recherche zu diesem Artikel habe ich mit vegan lebenden Strickern oder Häklern gesprochen und geschrieben, da sich mir vor allem die Frage nach den temperaturausgleichenden Eigenschaften Kopfzerbrechen bereitet hat. Zwar nutze ich schon jetzt oft Garne aus Baumwolle und ähnlichem, jedoch habe ich persönlich für Schals und Mützen immer lieber auf Wolle zurückgegriffen. Mehrere Gesprächspartner haben von Kunst und Pflanzenfasern geschwärmt- sie würden keinen Unterschied zu echter Wolle merken.

Fasern die sich als gute Alternative zu Wolle eignen sind:

Baumwolle

Baumwollfasern sind die Haare der Samenkapseln der Baumwollpflanze. Je länger diese Haare sind, desto wertvoller und feiner ist das daraus gewonnene Garn. Somit gehört Baumwolle zu den Naturfasern.

Der Vorteil der Baumwolle ist, dass Garne und Bekleidung aus diesem Material ist in der Lage sehr viel Feuchtigkeit aufzunehmen. Bis zu 20% Flüssigkeit kann die Faser aufnehmen, ohne sich feucht anzufühlen. Auch die Reissfestigkeit der Faser ist im feuchten Zustand deutlich erhöht. Baumwolle lässt sich problemlos bei hohen Temperaturen reinigen. Im Tragekomfort zeigt sie sich sehr weich  und atmungsaktiv aber nur schlecht wärmeisolierend.

Hanf oder Leinen

Bei diesen Fasern handelt es sich wie bei der Baumwolle um Naturfasern. Um aus den Pflanzenteilen ein Garn zu bekommen, ist ein sehr aufwändiger Verarbeitungsprosess nötig. Häufig sind Garne aus diesen Materialien fester und steifer als Material aus Baumwolle.

Besonders Leinen wirkt eher kühlend und hat eine schlechtere Wärmeisolation als andere Materialien.

Häufig gibt es Garne aus diesen Pflanzenmaterialien nur in einer gröberen Variante- wobei die Trends auf der H+H Cologne 2018 mich hoffen lassen, dass es demnächst auch Garne mit einem höheren Tragekomfort geben wird.

Bambus

Bambus ist ein sehr spannendes Produkt, jedoch ist es leider nicht immer klar, ob sich hinter der Bezeichnung *Bambus* nun Bambusfasern oder BambusViskose verbirgt. Letzteres ist eine Regeneratsfaser- also eine künstliche Faser, die auf Zellstoff basiert, jedoch in einem chemischen Prozess hergestellt wurde. Eigentlich muss auf der Banderole vermerkt sein, um welches Garn es sich handelt, jedoch ist das längst nicht so umgesetzt und kommuniziert, wie es sein sollte.

Ich kenne selbst nur zwei Hersteller, die Bambus als Naturfaser anbieten, beim Rest handelt es sich um Bambus-Viskose.

Bananenseide

Die Seidenliebhaber unter euch werden sich nun freuen: auch Seide gibt es als vegane Variante. Aus den Blättern und Stämmen des Bananenbaums lassen sich feine Fasern gewinnen, die versponnen werden und anschließend ähnlich wie Wildseide aussehen sollen.

Recycelte Garne (Baumwolle)

Ich persönlich begeistere mich sehr für das Cradle-to-Cradle-Prinzip, also die erneute Nutzung von Stoffen, die schon mindestens einen Zyklus in der konsumwirtschaft hinter sich gebracht haben und statt irgendwo zu vermodern oder verbrannt zu werden, neu genutzt werden können. Viele Baumwoll- und Textilfasern gibt es inzwischen auch recycelt.

Kunstfasern und Regeneratsfasern

Diese Fasertypen sind Produkte aus chemischen Prozessen. Regeneratsfasern basieren aus pflanzlichen, nachwachsenden Rohstoffen und Kunstfasern aus endlichen Ressourchen. Die Qualtiät von Kunstfasern schwankt deutlich zwischen- unangenehmer „Plastik“-Haptik und einer woll-ähnlichen Struktur.

Falls ihr mehr über diese Fasertypen lesen wollt, schaut doch bei den Beiträgen zu den Themen Kunstfasern und Pflanzenfasern nach.

Vegan= gut?

Das klingt nun alles super und sicherlich hat veganes Handarbeitsmaterial auch großes Potential, allerdings gibt es auch hier einiges, was ihr kritisch hinterfragen solltet.

Zunächst einmal bin ich persönlich kein Fan von Kunstfasern, da das Ausgangsmaterial aus nicht nachwachsenden Rohstoffen besteht und ich auch die Produktionsbedingungen teils für sehr bedenklich halte. Günstig produzierte Kunstfasern stammen oftmals aus Ländern, in denen der Umweltschutz noch nicht lange eine Rolle spielt und oft bleibt schlicht ungeklärt, was mit den Abfallstoffen nach der Produktion geschieht.

Aber auch der Anbau von Baumwolle kann problematisch sein, besonders dann, wenn auf den Anbauflächen Pestizide zum Einsatz kommen, die die heimische Flora und Fauna schädigen oder/und in das örtliche Grundwasser gelangen.

Meine Meinung

Es macht Sinn und ist wichtig, sich über Alternativen zu tierischen Fasern Gedanken zu machen, auch wenn man nicht vegetarisch oder vegan lebt. Besonders bei sehr günstigen Produkten mit reiner Wolle lohnt es sich nochmals zu überlegen, ob der günstige Preis sich wirklich mit einer nachhaltigen und faieren Tierhaltung erreichen lässt.

Ein großer Teil meines Wollvorrats besteht bereits jetzt aus pflanzlichen Fasern und beim Kauf von tierischen Produkten achte ich zunehmend auf Herkunft und Siegel wie Kbt und GOTS. Dies schlägt sich zwar im Preis nieder, dennoch ist es mir das durchaus wert.

Ich werde auch weiterhin Woll-Garne nutzen, allerdings habe ich für mich schon lange entschieden auch ein wenig darauf zu achten, was ich genau verarbeite. Und für viele Projekte kann auch ein bekennender Woll-o-holic wie ich, auf alternative Fasern zurückgreifen.

Wie sieht es bei euch aus? Achtet ihr auf das Material mit dem ihr arbeitet und wählt es nach bestimmten Kriterien wie Tier- und Umweltverträglichkeit aus, oder habt ihr vielleicht nicht die Möglichkeit hierfür? Mich würde eure Meinung zum Thema interssieren.

Die Bilder in diesem Blogpost habe ich nicht selbst geschossen. Es handelt sich um Bilder aus einer CC0 Datenbank

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