„Sachen aus Wolle kratzen“ so lautet ein gängiges Vorurteil über Kleidung und Handarbeitsstücke aus reiner Wolle. Das kann stimmen, muss aber nicht sein. Was wirklich dahinter steckt, was Micron genau bedeutet und woran ihr ohne Fühlprobe erkennen könnt, wie weich Wolle ist, erkläre ich euch heute.

Ich kenne einige Menschen, die so schlechte Erinnerungen an Kleidung aus Wolle haben, dass sie gar nichts handgemachtes mehr tragen- unabhängig vom Material. Die meisten von uns haben auch schon „kratzige“ Wolle gekauft, verarbeitet und vielleicht auch getragen. Warum gibt es aber einerseits wolkenweiche Flauschwolle und andererseits Garne, die entfernt an Stacheldraht erinnern? Worin liegt der Unterschied?

Darum kratzen Wollfasern- Alles wichtige über Wollqualitäten und Micron

Aufbau von Wollfasern- was sind Wollfasern eigentlich genau?

Wolle bezeichnet als Begriff erst einmal Tierhaar- unabhängig von der Tiergattung. Fasern vom Schaf sind als Schafwolle geführt, Haar vom Kamel als Kamelwolle usw. Diese Fasern unterscheiden sich im Aufbau kaum untereinander. Haare bestehen aus Keratin und ihre Oberfläche ist leicht geschuppt. Liegen diese Schuppen an, erscheint das Haar glänzend und glatt, sind sie aufgestellt, wirkt das Haar eher rau. Dennoch unterscheiden sich die einzelnen Fasern verschiedener Herkunft ganz enorm. Wichtig für die Weichheit eines Garns ist dabei der Durchmesser der einzelnen Haare. Dieser Wert wird in Micron angegeben.

Ein weiterer Einflussfaktor neben der Dicke der Fasern ist ihre Länge. Je kürzer die Fasern, desto mehr stehen aus dem verarbeiteten Garn ab und fühlen sich im ungünstigsten Falle wie Borsten an, die auf der Haut scheueren.

Woran erkenne ich ein weiches Garn?

Die meisten von euch haben sich sicher schon ganz intuitiv die wichtigste Technik angeeignet um Wolle zu prüfen. Ein Griff in die Wolle ist nämlich das sicherste Mittel um die Weichheit oder den Kratz-Faktor  zu bestimmen. Die Hände sind dabei allerdings nicht die empfindlichste Stelle um das auszutesten. Nehmt das Garn am besten und streicht es leicht über den Arm oder die Wange.

Nun ist es aber nicht jederzeit möglich sein Wunschgarn auf diese Weise zu testen. Wer online kauft, muss sich an anderen Faktoren orientieren. Aber auch dafür gibt es einige Hinweise, die euch helfen können.

Micron- die Einheit für (Woll-)Fasern

Die Einheit, die verwendet wird um die Feinheit von Fasern anzugeben wird Micron genannt. Ein Micron ist ein tausendstel Millimeter. Je kleiner also die Micronzahl einer Faser, desto feiner ist diese. Garne, die als extrafein bezeichnet werden, haben in der Regel eine Micronzahl von 17-22. Gröbere Fasern liegen in der Regel unter 30 Micron. Ab etwa 22 Micron wird Wolle vermehrt als kratzig empfunden. Fasern mit einem Micronwert ab 27 bis 33 werden vorrangig in der Wohntextilverarbeitung verwendet. Im Vergleich dazu liegt ein menschliches Haar bei etwa 50 Micron und mehr.

Die wenigsten Hersteller geben die Micronzahl ihrer Garne an. Darum lässt sich über die Banderole auch nur selten erkennen, wie weich Garn nun wirklich ist. Aber die bloße Zahl sagt häufig auch nichts über das individuelle Tragegefühl aus.  Solltet ihr die Möglichkeit haben, ein Garn vor Ort zu berühren, ist euer Gefühl deutlich aussagekräftiger, als jede Zahl.

Einen Hinweis auf die Feinheit der Fasern, liefern manchmal aber auch Zusätze in der Beschreibung eines Garns. Bei Alpaca-Fasern werden die feinsten Fasern mit Royal (extrem fein), Baby (sehr fein) und Superfine angegeben. Bei Merinofasern gibt es diese Abstufung ebenfalls. Hier heißen die feinsten Stufen ultrafine, superfine und fine.

Auch die Fasermischung kann Aufschluss über die Weichheit des Garns geben. Neben Merinos und Alpakas, liefern Yaks, Kamele und Kashmirziegen ebenfalls sehr feine Fasern. Sie liegen alle etwa bei etwa 16-18 Micron. Die feinsten und zugleich teuersten Fasern stammen übrigens von Vikunjas. Ihre Fasern können eine Feinheit von etwa 13-15 Micron erreichen.

Damit ihr alles auf einen Blick habt, habe ich euch einen kleinen Spickzettel erstellt. Das ist natürlich keine Garantie, denn die Begriffe sind nicht genormt, abe sie liefern einen Hinweis auf die Qualität, die euch erwartet.

Spickzettel- Weiche Fasern anhand der BAnderole erkennen

Einen Überblick über die einzelnen Faser-Typen tierischen Ursprungs findet ihr auch im Beitrag über die verschiedenen Wolltypen.

Ist feiner wirklich immer besser, wenn es um Handstrickgarne geht?

Natürlich klingt es nun super verführerisch, immer zu den weichsten Fasern und Garnen zu greifen. allerdings muss man sich mehrere Punkte vorhalten, wen man vor hat das Garn zu verhäkeln oder zu verstricken. Zwar verleitet die Idee von himmlisch weicher Wolle dazu, ausschließlich zu dieser Qualität zu greifen, dennoch gibt es auch einiges, was ihr bei der Auswahl beachten solltet.

Garne, die eine niedrigere Micron-Zahl besitzen sind nicht so belastbar wie gröbere Garne. Sie neigen dazu schneller zu verfilzen, da ja deutlich mehr Fasern nebeneinander liegen, was die Filzneigung erhöht (wenn die Fasern nicht zusätzlich behandelt wurden und keine Superwash-Ausstattung besitzen). Feinere Garne neigen auch schneller zum Durchscheuern. Daher würde ich euch nicht empfehlen Socken aus superfeinem Garn herzustellen.

Besonders weiche Wolle mit einer niedrigen Micronzahl liefern beispielsweise Merino-Schafe, die in einem warmen Klima gehalten werden. Die idealen Temperaturen finden sich hierfür in Australien, Neuseeland, Patagonien oder auch Südamerika. Die Haare der Tiere wachsen in einem warmen Klima langsamer und werden aufgrund der fehlenden Wetterschwankungen, weicher. Heimische Merinoschafe, haben oft ein wenig rauere Haare. Auch wenn Wolle von Lokal gehaltenen Merinos noch immer ziemlich weich ist, wird doch ein großer Teil der Fasern importiert. Nicht nur der lange Transportweg ist hier nicht ideal, auch ist in Australien die Mulesing-Praktik noch weit verbreitet. Aber gerade Australien ist einer der größten Wollexporteure weltweit.

Leider ist eine qualfreie Haltung nicht nur im Bereich der Schafzucht nicht immer zu gewährleisten. Auch die Zucht von Angorakaninchen und Kashmirziegen gerät immer wieder in den Fokus der Kritik. Unserem „Konsum“ von immer weicheren Textilien, geht also eine hocheffiziente Produktion voraus, die nicht immer Rücksicht auf die Tiere oder die Arbeitskräfte vor Ort nimmt.

Falls ihr mehr zum Thema Tierleidfreie Produkte und Bio-Siegeln erfahren möchtet, dann schaut auch gerne bei meinen Beiträgen zu diesem Thema vorbei.

Qualitätsgarne- daran erkennt ihr die Weichheit von Garnen

Die Wahl des richtigen Garns- warum es nicht immer die geringste Micron- Zahl sein muss

Nicht jedes Projekt muss aus super feiner Wolle gemacht sein. Zwar macht es durchaus Sinn, für Stücke, die direkt auf der Haut aufliegen, wie Pullover, zu einem Garn zu greifen, welches ausreichend weich ist. Allerdings gibt es durchaus auch Stücke, die von gröberer Wolle profitieren können. Jacken, Stulpen und Socken sind oft einer hohen Reibungsbelastung ausgesetzt. Gröbere Fasern sind in der Regel auch unempfindlicher gegenüber solchen Einflüssen. Viele Menschen sind an Händen und Füßen auch nicht so empfindlich wie beispielsweise am Hals. Daher können viele bei Handschuhe und Socken auch auf Fasern von heimischen oder generell robusteren Schafrassen zurückgreifen.

Beobachtet euch am Besten selbst, was ist für euch angenehm, welche Stücke kommen mit eurer Haut in Berührung und wie reagiert ihr darauf. Wenn ihr die Zeit und Möglichkeit dazu habt, dann lohnt es sich wirklich eine ausführliche Fühlprobe zum machen. Und mal ehrlich, welche Wollliebhaber würde sich nicht durch ein Garnsortiment kuscheln?

Alles darüber woran ihr weiche Fasern erkennt
Micron, weichheit, Faserlänge alles auf einen Blick

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