Dieser Artikel schlummerte eine ganze Weile in meinen Entwürfen. Ich habe lange hin und her überlegt, ob ich ihn veröffentliche. Gerade in den letzten Wochen ist für mich das Thema Handarbeit und Feminismus durch das „DIY Masken nähen“ nochmal in den Vordergrund getreten. Darum habe ich mich entschieden, diesen Artikel nun doch zu veröffentlichen.

Es ist nun einige Jahre her: die DIY Bewegung, die derzeit noch immer trendet, erlebte ihre ersten Höhen. Schminktäschchen wurden genäht und voller Stolz verschenkt. Da fand ich einen Artikel in einer großen Frauenzeitschrift. Die These war, dass Handarbeit und besonders das präsentieren dieser, vollkommen dämlich sei und sowieso die ganze feministische Bewegung untergraben würde.

Häkeln und Feminismus- sind handarbeitende Frauen Antifeministisch?

Normalerweise lese ich etwas und vergesse es dann wieder, aber dieser Text, wenn ich ihn auch nicht wörtlich wiedergeben konnte, blieb irgendwie hängen. Vielleicht weil ich um diese Zeit herum meinen Blog/meine Instagramseite gegründet habe und mich angetriggert gefühlt habe. Aber die These, DIY und Menschen-oder besser Frauen- die zeigen was sie tun, würden jeder feministischen Bewegung mit einer Blutkrätsche zwischen die Beine springen, geht mir bis heute nach.

Über die Jahre hat sich mein Bild vom Feminismus entwickelt. Während ich mir damals kaum Gedanken darum gemacht habe, ist das Thema heute viel dominanter in meinem Leben. Und dennoch, oder gerade deswegen ging mir die Frage nie aus dem Kopf. Ist Handarbeit wirklich Antifeministisch?

Irgendwie musste ich die Tage mal mehr an dieses Thema denken, daher habe ich meine Gedanken dazu hier zusammengeschrieben. Ich fürchte aber fast, dass mein Beitrag dem ganzen Thema nicht richtig gerecht wird, dennoch war es mir wichtig ein paar Sätze dazu zu schreiben.

Handarbeit als Frauentätigkeiten- wirklich?

Sprechen wir heute von veralteten Frauenbildern, dann kommen uns oft Bilder aus den 50er Jahren in den Kopf. Die Frau als Heimchen am Herd, die den Mann versorgt. Werbeanzeigen liefern den Beweis schwarz auf weiß: Das Frauenbild war echt fragwürdig. Besonders, wenn man bedenkt, dass gerade auch während der Kriegsjahre Frauen eine enorme wirtschaftliche Bedeutung hatten (wenn auch aus Zwangssituationen heraus). So gesehen waren die 50er ein gewaltiger Schritt zurück- nicht nur auf die Vorkriegsjahre, sondern viel mehr um ein halbes Jahrhundert. Und beinahe untrennbar scheint dabei die Handarbeit mit der Rolle der Frau verbunden zu sein.

Aber sind Handarbeiten wirklich pur weibliche Tätigkeiten? Die Antwort ist vielschichtig, aber um es von der historischen Seite anzupacken: Nein, sind sie nicht. Es gibt mehrere Quellen, die Männern Handarbeiten zuschreiben. Allein das Zunftwesen der Mittelalters und viele Abbildungen zeigen Männer als Handarbeiter. Weber, Schneider, Färber, Sticker,… Die vermutlich erste Beschreibung des Häkelns in einem Roman beschreibt einen (männlichen) Schäfer, der die Wolle seiner Tiere verarbeitet. Handarbeiten waren den größten Teil der Menschheitsgeschichte eher nicht weiblich assoziiert. Und dennoch scheint es so, als ob Handarbeiten pures, weiches, rosa Frauenbusiness sei, während Männer dem echten, harten Alltagskampf austragen müssten.

HandarbeitsBusiness= Wohlfühlbusiness?

Um wieder auf den Artikel zurückzukommen. Ich habe ihn vor kurzem nochmals gefunden, gelesen und mich fast wieder so sehr darüber aufgeregt, wie damals- nur aus anderen Gründen. (Wer ihn  lesen möchte darf sich gerne auf die Suche machen. Der Titel war „Warum wir ein Häkeldiplom brauchen“)

Die Autorin schreibt, dass sich Frauen in die DIY Welt flüchten um sich nicht mit der realen Welt auseinandersetzen zu müssen. Kreativ sein ist quasi die Flucht vor Verantwortung und überhaupt, gibt es ja nur DIY-Trutschi und Businessmänner. Und genau diese Sicht ist toxisch. Und das sogar für beide Geschlechter.

Jede Selbstständigkeit erwartet von der Person dahinter unglaublich viel Know-How, Arbeitsaufwand und Durchsetzungsvermögen. Da macht auch ein DIY Business keine Ausnahme. Einen Shop zu haben bedeutet sich mindestens mit der Herstellung, dem Shopsystem, rechtlichen Bestimmungen und der Steuer auseinandergesetzt zu haben. Oft sogar noch viel mehr. Ob nun Politblog oder Handarbeitsblog- beide Köpfe dahinter müssen sich bis zu einem gewissen Maß mit Marketing, Recht und Gesetz oder plattformrelevanten Kenntnissen auseinandersetzen.

Handarbeitsbusinesses als WohlfühlBusiness

Tatsächlich ist es eine Diskussion und nähere Betrachtung wert, ob und warum KreativBusinesses anscheinend ein frauendominiertes Feld sind. Fakt ist aber auch, dass sich die Strukturen hinter einem kleinen Label für Schnittmuster mit zwei Mitarbeitenden nicht von einem beliebigen anderen Kleinunternehmen mit gleicher Beschäftigtenzahl unterscheiden. Die Abwertung von DIY Businesses erfolgt daher auf zementierten Klischees über Frauen und Handarbeiten. Davon mal abgesehen, bleibt die Gruppe derer, die ihr DIY-Geschäftsmodell im Nebenberuf ausführen, vollkommen unerwähnt.

Handarbeitsblogs als narzistische Plattform

Ein weiterer Faktor an dem sich die Autorin stößt ist, dass Handarbeit immer mehr in die Öffentlichkeit getragen wird. Also man (Frau) dürfte ja kreativ sein, aber sich nach Möglichkeit nicht darüber austauschen oder präsentieren, was man erschaffen hat. Und das ist leider keine unübliche, aber hoch sexistische Sichtweise.

Zunächst: natürlich sind Blogs, Instagramseiten und alle anderen öffentlichen Profile, Werkzeuge um sich selbst zu zeigen und zu präsentieren. Und das zu jedem Thema, dass einem dazu einfällt. 2014 und auch heute, war und ist ein Teil davon nun Handarbeit. Aber ob nun politisch motivierte Texte oder Tipps aus Nachhaltigkeitsgedanken heraus, veröffentlicht werden: zumindest ein Beweggrund ist das sich selbst zur Schau stellen.Was aber für den politischen Blog ok ist, wird bei weiblich assoziierten Themen zum Problem. Das endet nicht bei Handarbeiten. Es gibt 1000 und mehr Artikel über die „Selbst Zur Schau Stellung von Mädchen auf Sozialen Medien“ aber nur einen Bruchteil davon erwähnt überhaupt, dass auch junge Männer das tun.

Das eigentliche Problem scheint also schlussendlich nicht zu sein, dass Frauen Handarbeiten, sondern dass sie dafür Aufmerksamkeit und Wertschätzung möchten. Oder im Umkehrschluss: Frauen sollen nicht öffentlich zeigen, was sie gerne tun oder worauf sie stolz sind. Diese Argumentation findet ihr auch bei anderen weiblich assoziierten Themen. Und genau diese Kernaussage des Textes macht den Artikel für mich auch heute noch absolut unlesbar.

Und was ist mit der Ausgangsfrage? Sind Handarbeiten wirklich Antifeministisch?

Eine Antwort darauf habe ich tatsächlich noch immer nicht für mich gefunden. Handarbeiten sind in unserer gegenwärtigen Gesellschaft weiblich assoziiert. Das merkt man dann, wenn man handarbeitende Männer kennt und weiß, was für ein „mutiges Statement“ das für die Umwelt ist. Und auch, welchen Wiederständen und Vorurteilen sich diese stellen mussten und müssen. Dabei waren gerade Handarbeiten vor nicht allzulanger Zeit ein essentieller Bestandteil des täglichen Lebens, und wurde auch selbstverständlichst von Männern ausgeführt. Eine wundervolle Seite mit sehr vielen Referenzen zu diesem Thema findet ihr hier.

Handarbeiten als Frauendominiertes Hobby

Nicht zu vergessen ist ebenso, dass Handarbeiten Frauen auch neue Möglichkeiten eröffneten, Geld zu verdienen um ihre Familie zu versorgen und somit einen enormen Anteil an wirtschaftlicher Unabhängigkeit dieser hatte. Klar ist es eine Betrachtung wert, welche Rolle weibliche Zuschreibungen und traditionelle Rollenbilder bei der Entscheidung für ein Hobby oder eine Selbstständigkeit spielen, aber dann auch bitte in allen Facetten und ohne Klischees heranzuziehen.

Vor 6 Jahren fand ich den oben erwähnten Artikel unsäglich, weil ich das Gefühl hatte, mein Hobby sollte unter Zuhilfenahme feministischer Ziele, abgewertet werden. Heute finde ich ihn noch immer unlesbar, weil sexistische Klischees herangezogen werden um Frauen zu diktieren, worüber sie sprechen dürfen und wofür sie Aufmerksamkeit suchen können und wofür nicht. Und wenn ich ehrlich bin, ist das noch viel schlimmer.

Kennt ihr den Artikel? Wenn ja, geht es nur mir so und ihr habt eine ganz andere Lesart?

Feminsimus und Handarbeit- sind Häkeln und Handarbeiten Antifeministische Hobbies

4 Comments on Handarbeit und Feminismus

  1. Hallo,
    Ich bin seit Jahren in einer Klöppelgruppe und wir haben auch einen Mann in unseren Reihen. Und ich muß sagen, die Arbeiten, die er abliefert sind erste Sahne.
    Also nicht nur Frauendomaine, sondern auch viele Männer beschäftigen sich mit Handarbeiten.

    Und sind nicht handwerkliche Tätigkeiten der Männer auch HANDARBEITEN???

    Liebe grüße Monika

    • Liebe Monika,
      generell finde ich sehr spannend, dass Handarbeiten (und eigentlich sind Handarbeiten und Handwerke für mich das gleiche, allerdings finde ich oft, dass Handarbeiten als nicht gleichwertig angesehen wird. Das ist schade, denn ich liebe den Begriff Handarbeit einfach) irgendwann als weiblich assoziiert wurden und das bis heute so in der Gegend steht. Ein klöppelnder Mann, ein Strickender Mann,… sind heute noch immer besondere Hingucker, habe ich das Gefühl. Das ist schade.
      Liebe Grüße und vielen Lieben Dank für deinen Kommentar

  2. Hallo Jasmin, den Artikel kenne ich nicht, aber an diese Klischees, die mit Handarbeiten verbunden sind, denke ich oft. Vor kurzem habe ich ein Reportage gesehen über Island und strickenden Männern. Es scheint dort verbreitet zu sein, und unproblematisch. Ich muss zugeben, ich wurde auch von diesem Vorurteil „Handarbeit ist Frauen-Sache“ geprägt, weiß ich aber nicht warum. Wenn ich ein Mann sehe, der kreuzstickt oder strickt, dann finde ich es schon komisch. Vielleicht, weil ich es zu selten sehe? Eigentlich schade.
    Dass man Handarbeit als Antifeminismus sieht finde ich ein Bisschen zu kurz gedacht… Warum wäre es antifeninistisch, kreativ zu sein, und selber mit seinen Händen etwas zu tun? Ich habe sonst oft gehört „ich habe keine Zeit für so was“, als ob die, die handarbeiten, mehr Zeit hätten als andere, die wahrscheinlich „nützlichere“ Sachen tun. Handarbeit ist ein Hobby wie jedes andere, nicht schlechter als Sport oder fernsehen oder gärtnern. Aber ich habe bemerkt, das Thema ist diskussionswert. Nach diesem Reportage habe ich mit einer Freundin und meiner Familie darüber gesprochen, und es gibt genug zu debattieren.
    Es freut mich sonst, Dich nach mehreren Wochen wieder zu lesen :o) Liebe Grüße

    • Hallo Lélé,
      ja, das Thema ist sehr diskussionswert. Es gibt ja mehrere Theorien, warum Handarbeit so weiblich assoziiert sind, obwohl die ja auch auf ganz klassische Berufe zurückgehen, die z.T. männlich dominiert waren. Es braucht definitv mehr Strickende, Häkelnde, Stickende und Nähende Männer.
      Was mich an dem Artikel so stört ist diese Vorgabe: Frauen sollen nicht zeigen, was sie gerne tun, sofern es in die Tätigkeitsbeschreibung Handarbeit fällt. Und ja, es ist ein diskutierbares Thema, ob die ganze DIY Bewegung dem modernen Frauenbild nun gut tut, oder nicht, aber Frauen desswegen abzubügeln? Geht gar nicht und ist extrem übergriffig.
      Naja, du merkst: Ich kann das stundenlang philosophieren.

      Liebe Grüße und danke für deinen lieben Kommentar!
      Jasmin

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