Schon lange wollte ich die Interviewserie mit inspirierenden Personen aus der Häkel- und Handarbeitsszene wieder aufleben lassen- denn im letzten Jahr standen mir ja schon ein paar kreative Köpfe Rede und Antwort.

Nach meinem Blogumzug wollte ich das unbedingt wieder machen, und endlich ist es soweit.

Heute beantwortet mir die zauberhafte Julia vom Insta-Account Juemotion verschiedene Fragen rund um Handarbeiten.

Ich heiße Julia, bin 32 Jahre alt und wohne mit meinem Herzmann in Berlin-Friedrichshain. Ich arbeite hauptberuflich als Erzieherin in der Kinder- und Jugendhilfe. Zu meinen Hobbies zählen natürlich Handarbeit, also das Häkeln und Stricken, aber auch das Gestalten, Malen und Schreiben und zuletzt die Photographie. Also eben Vieles, wo ich mich kreativ entfalten kann.
Kreativität bedeutet für mich, eine Idee von etwas Unwirklichem zu haben und es dann mit Hilfe von Materialien und Werkzeugen in die Wirklichkeit umzusetzen, bzw. auch eine Lösung für ein Problem zu finden. Kreativität ist immer geprägt vom eigenen Stil – also was man mag oder auch nicht -,  von der eigenen Sicht auf die Welt und der Lösungsfindung für eine Aufgabenstellungen. Der Geschmack kann viele Facetten haben, da die eigene Prägung ja vielschichtig ist. Hat man seinen Stil gefunden merkt man das, wenn man sich damit wohl fühlt und Freunde einen immer sagen „Das bist Du“. Man selber sieht sich ja nie in der Aussenwirkung der Welt. Ich z.B. liebe klare Linien, einfache Formen und Farben. In all den Jahren habe ich gemerkt, dass Minimalismus mich atmen lässt.
Meine Ideen und meine Sicht auf die Dinge veröffentliche ich gern auf Instagram bei @juemotion. Ich freue mich, wenn ich andere Menschen dabei inspirieren kann. Und genauso brauche ich die Inspirationen durch andere Menschen für meine Kreativität

Seit wann häkelst und strickst du?

Ich hab mit dem Häkeln vor über 3 Jahren angefangen. Ich hab zu der Zeit auch genäht, was ich mir selbst beibrachte und hab Genähtes auf DaWanda verkauft. Das Nähen war für mich ein Ausgleich zu meinem Job. Was ich schade am Nähen fand war, dass ich die Nähmaschine nirgendwo mit hinnehmen konnte, weder ins Bett, oder in die Bahn, oder ins Café. Dann hab ich die alte Häkelnadel rausgesucht, die ich von meiner Tante einst bekommen hab. Eine 3er Häkelnadel aus Metall. Ich hab mir Wolle gekauft und einfach mal Luftmaschen, feste Maschen und Stäbchen geübt. Das Häkeln wurde dann ein Ausgleich zum Nähen. Das Stricken habe ich mir ein Jahr später beigebracht, bzw. immer mal wieder zu stricken gelernt, aber richtig gut stricken konnte ich erst im Laufe der Zeit, also mit dem widerkehrenden Üben, mal wieder die Nadeln wegpacken und wieder hervorholen. Ja, ich stricke noch nicht so lange. 1,5 Jahre oder so.

War es Liebe auf den ersten Versuch oder hat es eine Weile gedauert, bis du mit dem Hobby warm geworden bist?

Mmmh. Was heißt Liebe auf den ersten Versuch? Ich kannte Handarbeit von meinem Tantchen – explizit das Häkeln. Häkeln hatte für mich eigentlich immer etwas klischeehaftes, „altbackenes“ und trotzdem war es aber so cool und traditionell für mich, weil meine Tante ja immer gehäkelt hat und sie ein Vorbild für mich war. Oft sah ich sie mit ihrer Häkelnadel bei meiner Oma auf dem Sofa sitzen und sie schien immer ausgeglichen, weil sie für den Moment eine Beschäftigung hatte.
Nun, war es Liebe auf den ersten Versuch? Na ja, alles wofür man sich interessiert und was letztendlich dann auch klappt ist vielleicht Liebe auf den ersten Versuch. Aber ob es jetzt der erste Versuch war weiß ich nicht und es hat schon ein paar Tage gedauert bis ich mit dem Hobby warm wurde. Es war anfänglich frustrierend, weil es eine ganz neue Übungssache für die Handmotorik war. Beim Stricken hat alles ein paar Monate länger gedauert.
Heute hat für mich Häkeln überhaupt nichts „altbackenes“ mehr 😉 .

Von wem hast du das Häkeln gelernt und wie alt warst du da?

Von Niemandem. Ich habe mir das Nähen, Häkeln und Stricken selber beigebracht, obwohl es immer genau vor mir greifbar war. Ich habe eine kreative Familie, mein Opa war Bäcker- und Konditormeister. Meine Tante ist gelernte Näherin und Schneiderin, und macht Hobby-Handarbeit. Mein Onkel ist Maler. Meine Cousine Fotografin.
Ich weiß nicht wie alt ich war, ich war noch in der Schule und ich war jung und in den Ferien bei meiner Tante zu Besuch und meine Tante, die immer viel Handarbeit gemacht hat, gab mir Wolle und eine Häkelnadel 3 mm aus Metall, mit so einer Nadel, mit der ich vor 3 Jahren anfing zu häkeln – vielleicht war’s sogar die gleiche 😊 . Meine Tante war der Meinung, dass ich in den Ferien einen Topflappen mit ihr häkeln könnte. Ich häkelte diesen Topflappen eher widerwillig, es machte mir einfach keinen Spaß. Es war sehr frustrierend, weil die Häkelnadel sehr dünn, der Griff rutschig war und mir Blasen an den Fingern machte (heute arbeite ich mit Prym-Nadeln, also Nadeln mit Gummigriffen). Der Faden war sehr fädrig und irgendwie hat sich alles verheddert. Das Endprodukt fand ich überhaupt nicht schön, die Farben waren nicht schön (es war ein braun-orange gestreifter Topflappen). Meine Tante wollte mir lediglich damit einen Gefallen tun, aber ich hatte ein super Frustrationserlebnis trotz fertigem Topflappen. Meine Mutter hat den Topflappen bis heute aufgehoben und ich finde ihn immer noch nicht schön. Kicher.
Ich hatte nie Handarbeitsunterricht in der Schule, aber ich bewundere die die das in der Schule hatten. Dennoch war Handarbeit früher irgendwie „nicht so meins“ und heute habe ich es mir doch selber beigebracht, weil es mich mit der Zeit irgendwie von allein gefunden hat.

Was war dein erstes fertiggestelltes Projekt? Hast du es noch?

Das war ein gehäkeltes Zierdeckchen, ein weihnachtliches in Sternenform, mit einer Häkelnadel 3 mm, aus Metall 😊, nach Anleitung. Es war für meine Oma zum Geburtstag. Und ja sie hat es noch.

Ging schon mal ein Projekt so richtig daneben – wenn ja, welches und was hast du damit angestellt?

Ähhm.. bestimmt so manche. Wenn ich dann nicht schon die Fäden während des Häkelns vernäht hatte, habe ich das Stück wieder aufgeribbelt um die Wolle zu bekommen. Manches habe ich auch einfach eiskalt weg geworfen 😉 .

Welches Projekt war Liebe auf den ersten Blick?

Mmmh. Schwierige Frage. Ich glaube es sind oft Projekte die sehr groß und sehr langandauernd sind.

Wie bspw. Meine erste gestrickte Decke aus Merinowolle, oder mein erster gestrickter Pulli aus Mohair.

Meine erste gehäkelte Decke für meine Cousine zur Hochzeit. Mein erster gehäkelter runder Teppich für meine Omi.

Die gehäkelte Babydecke für das erste Baby aus dem Freundeskreis.Also, langandauernde große Projekte sind IMMER Liebe auf den ersten Blick.


Hast du ein Ufo, dass du auf gar keinen Fall aufribbeln willst? Warum?

Ja ich habe ein unfertiges Häkelstück und zwar ist das mein erstes Häkel-Oberteil im Lace-Muster. Ich habe die Vorderseite fertig und hänge bei der Hälfte der Rückseite. Aufribbeln kommt nicht in Frage, ich bleibe da ganz entspannt. Irgendwann kommt die Zeit, da packt einen die Lust wieder 😊. Ich glaube das ist eine Eigenschaft, die ich beim Häkeln gelernt habe, Ruhe bewahren, nicht alles muss sofort beendet werden, alles ist ein Prozess und man muss auch mal das Projekt eine Weile aus der Hand legen, damit es einem nicht über wird und etwas Besonderes bleibt. Es kommt immer die Zeit von allein, es zu beenden ganz frei von Zwang.


Ein Projekt nach dem anderen, oder mehrere Projekte parallel – welcher Typ bist du?

Am liebsten eins nach dem anderen, aber wenn man langzeit-Projekte hat, arbeite ich natürlich parallel. Nebenbei laufen kleinere Projekte die ich nacheinander abschließe.

Hand aufs Herz, wie groß ist dein Wollvorrat? Und welches Material verarbeitest du am liebsten?

Überhaupt nicht groß. 100 % Baumwolle fürs Häkeln. Merinowolle fürs Stricken.


Kaufst du immer nur Wolle pro Projekt oder entscheidest du je nach Wollvorrat, welches Projekt es wird?

Mein Wollkauf richtet sich meistens nach einer Projektidee bzw. einer Anleitung. Wenn ich in den Urlaub fahre, beginne ich auch manchmal ein neues Projekt. Da gehört dann quasi viel Geld in Wolle zu investieren auch zu den Urlaubsvorbereitungen dazu 😊. Für mich ist es Luxus, ein Hobby zu haben und darin sinnvoll investieren zu können. Baumwolle (für Amigurumi-Häkeleien) habe ich meist in verschiedenen Farben vorrätig da.

Hast du eine Macke in Bezug auf Handarbeiten?

Nein 😊

Wo lässt du dich für neue Projekte gerne inspirieren? Und nutzt du lieber fertige Anleitungen oder tüfftelst du lieber selbst?

Ich benutze oft fertige Anleitungen als sie selber auszutüffteln und gehe lieber auf Nummer sicher. Bei einfachen Projekten wie z.B. Strickdecken denke ich mir das Muster und die Farben gerne aus. Auch die Muster bei den Pixelhäkel-Deckchen überlege ich mir im Vorfeld selber. Eigene Anleitungen zu schreiben ist für mich eine Kunst und ich bewundere es, wenn manche es können. Ich nicht 😊

Ansonsten lasse ich mich bei den Häkeleien gern von einem sehr modernen Häkelmagazin inspirieren, die Simply Häkeln. Daraus habe ich viele Geschenke für Freunde und die Familie herstellen können. Auch zuletzt meine gehäkelte Geisha habe ich dort gefunden.

Eine moderne Strickzeitschrift für mich ist die Zeitschrift made by me, sie kommt glaube ich alle viertel Jahre heraus. Dort habe ich die Strick-Anleitung für meinen Mohair-Pulli gefunden.
Ansonsten bin ich geprägt von den Häkelborten die mein Tantchen in meiner Kindheit oft für Wäsche jeglicher Art machte. Gern schnappe ich mir alte Leinentücher meiner Mama oder moderne Geschirrtücher, die ich dann mit den selbst gehäkelten Borten verziere (die Anleitungen dafür gibt es in diversen Büchern).

Ebenso inspirieren mich verschiedene tolle Frauen, die ihre eigenen Anleitungen in Büchern herausgebracht haben, wie beispielsweise das Buch „Mach mal Masche“ von Molla Mills, die unheimlich schöne moderne Muster entwirft. Sie brachte auch das Pixelhäkeln, welches man früher „Filethäkeln“ nannte wieder in einem modernem Stil heraus. Mein aktuelles Projekt ist ein Deckchen nach ihrer Pixelkästchen-Methode.

Eines meiner Lieblingsbücher für den Kinder-Kaufmannsladen ist „Spiel mit in meiner Häkelküche“ von Lucia Förthmann. Gerne mache ich daraus Mitbringsel für die Kinder aus unserem Freundeskreis .


Eine große Inspirationsquelle ist für mich Instagram und verschiedene Profile, wie z.B. das von der lieben Jasmin von @meingehaekeltesherz. Auch bei Helena von @olialemon habe ich einen niedlichen Häkelfuchs gefunden. Aber auch bei Pinterest stöbere ich gern nach Ideen.

Lieber Wollladen ums Eck oder Online – woher bekommst du deine Wolle? Und was ist dir beim Kauf wichtig.  

Ich kaufe meine Wolle in meinem Lieblingswollladen in meinem Kiez und zwar ist das der Wollen-Berlin Laden, in der Gärtnerstraße 32, in Berlin-Friedrichshain https://wollen-berlin.de/ . Wenn ich viel zu tun hab dann bleibt mir manchmal nur die Zeit online Wolle zu bestellen, oder noch schnell auf dem Rückweg von der Arbeit bei irgendeinem Mini-Wollladen mal schnell einfache Baumwolle holen. Aber für größere Projekte gehe ich eher in den Wollladen meines Vertrauens.
Beim Kauf ist mir wichtig, dass ich gut beraten werde, und es ein großes Sortiment an vielen verschiedenen Garnqualitäten gibt. Ich bin ein Laie in Sachen Wolle. Mir ist immer wichtig, dass wenn ich mit einer Anleitung in den Wollladen gehe, ich auch genau die Wolle oder ein Alternativgarn bekomme, welches auch in der Materialangabe der jeweiligen Anleitung steht.

Liebe Julia, vielen vielen lieben Dank für deine Zeit und deine Antworten. Ich liebe es wirklich immer sehr auf deinem Instagram Account zu stöbern und mich inspirieren zu lassen!

Wenn ihr auch einmal ein bisschen bei Julia stöbern wollt, dann schaut undbedingt auf ihrem Instagram Account vorbei!

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2 Comments on Interview mit Juemotion

    • Ich finde es auch immer sehr interessant. Da die Fragen oft auch (bewusst) ähnlich sind, bekommt man einen schönen Einblick wie ich finde- ich lese immer gerne, dass nicht nur ich UFOs bei mir rumfliegen habe.
      Liebe Grüße

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