Materialkunde- pflanzliche Fasern

Nachdem ich euch in meinem letzten Materialguide die verschiedenen tierischen Fasern, die es so auf dem Handarbeitsmarkt gibt, vorgestellt habe, geht es heute endlich weiter- und zwar mit den pflanzlichen Lieferanten von Garnen.

Neben den verschiedenen Ursprungspflanzen verrate ich euch aber auch, was hinter dem Begriff Viskose steckt.

Bevor ich begonnen habe für diesen Artikel zu recherchieren dachte ich- ist ja super leicht und ich bin schnell durch- easy. Tja und dann habe ich mir mal die verschiedenen Fasern angeschaut, die ich so im Spinnbedarf bekomme und es war einfach vorbei mit meiner „ist ja schnell erklärt“ Idee. Ich war nie gut in Chemie und habe mich selbst nur mit den ganz, ganz oberflächlichen Vorgängen beschäftigt. Trotzdem hoffe ich, dass ich euch ein paar interessante Infos vermitteln kann.

Sind Pflanzenfasern immer auch Naturfasern?

Und da sind wir auch schon beim Problem angekommen. Es gibt eine ganze Palette an Pflanzen, die sich zu  Garnen weiterverarbeiten lassen- und gerade Fasern wie Bambus trumpfen mit einem schicken grünen Image auf- immerhin wurde dafür kein Schaf geschoren- doch sind Bambus, Sojafasern und Co wirklich so nachhaltig und vor allem natürlich, wie ihre pflanzliche Herkunft vermuten lässt?

Es gibt Fasern wie Baumwolle, die von ihren natürliche Eigenschaften her ohne komplexere Aufbereitung verarbeitbar sind. Baumwolle wird ähnlich wie tierische Wolle gekämmt und lässt sich ohne Probleme anschließend verspinnen. Auch Leinenfasern lassen sich durch einen bestimmten Verarbeitungsvorgang ohne weitere Zugabe chemischer Mittel oder komplexerer Prozesse gewinnen- diese Fasern sind Naturfasern.

Anders sieht dies mit Fasern wie Bambus oder Bananenfasern aus- diese lassen sich auch unter der Gruppe der Regenaratfasern zusammenfassen. Und hier kommt das Problem dieses Beitrags- Regeneratfasern sind Chemiefasern und somit vergleichbar mit Polyester- andererseits ist der Ausgangsstoff pflanzlich- womit sie doch wieder zu diesem Artikel gehören.

Was sind Regeneratfasern?

Regeneratfasern werden aus nachwachsenden Rohstoffen wie Gehölzen gewonnen und durchlaufen einen langwierigen Produktionsprozess. Diese Übergruppe lässt sich weiter unterteilen in Viskose, Modal, Lyocell und Cupro. Grundlegende Unterschiede all dieser Sorten gibt es in der Herstellung und in den Eigenschaften der Fasern und Gewebe.

Sicher kennen einige von euch den Begriff Viskose schon. Bei Viskose handelt es sich um eine Chemiefaser die durch einen sehr aufwändigen chemischen Prozess gewonnen wird. Hierfür werden Cellulosefasern (also Fasern von Gehölzen wie Bambus, Bananenstauden, Rosengehölz,….) in mehreren Stufen unter anderem mit Natronlauge und Schwefelkohlenstoff zu einer flüssigen Lösung verarbeitet. Diese Lösung wird dann mittels Düsen in ein Spinnbad gegeben und so die einzelnen Fasern gewonnen.

Aufgrund der chemischen Eigenschaften sind Viskosefasern durchaus mit Baumwolle vergleichbar- wobei die Viskose durch ihre künstliche Produktion deutlich mehr Anwendungsbereiche findet. Viskose findet ihr somit nicht nur in der Bekleidungsindustrie, sondern auch im Hygienebereich, in Krankenhäusern und feuchten Gesichtstüchern genutzt.

Ihr seht also- ein Garn, dass vermeintlich nach Natur klingt muss nicht zwangsläufig auch natürlich sein.

Baumwolle

Das was wir unter Baumwolle verstehen sind im Grunde die Samenhaare der Baumwollfrucht. Je länger die Haare der Samen sind, desto wertvoller und feiner ist das daraus gewonnene Garn. Somit gehört Baumwolle zu den Naturfasern.

Garne und Bekleidung aus diesem Material ist in der Lage sehr viel Feuchtigkeit aufzunehmen. Bis zu 20% Flüssigkeit kann die Faser aufnehmen, ohne sich feucht anzufühlen. Hinzu kommt, dass Baumwolle im feuchten Zustand deutlich reißfester ist, als trocken.

Baumwolle ist sehr temperaturbeständig und lässt sich bei hohen Temperaturen reinigen. Im Tragekomfort zeigt sie sich sehr weich und angenehm und ist atmungsaktiv aber nur schlecht wärmeisolierend.

Baumwollgarne können aber auch merzerisiert, konditioniert oder gasiert sein. Dabei handelt es sich um Veredlungstechniken.

Merzerisation: Das Baumwollgarn wird im gespannten Zustand in eine Natronlauge getaucht und verändert so seine Eigenschaften. Merzerisierte Garne sind leichter Färbbar und haben einen leicht seidigen Glanz.

Konditionierung: Konditionierte Garne sind speziell behandelt worden, damit im Ganzen Fadenverlauf der gleiche Feuchtigkeitsgehalt herrscht. Derartig behandelte Garne verfügen über eine besonders angenehme Haptik.

Gasieren: Bei gasierten Garnen werden kürzere Haar im Prozess abgeflämmt. Als Folge dessen verschmutzen diese Garne nicht so leicht und bekommen zudem einen seidenen Glanz.

Leine, Hanf, Nessel

Bei diesen Fasern handelt es sich ebenfalls um Naturfasern. Um aus diesen gras-ähnlichen Pflanzen ein verarbeitbares Material zu gewinnen, werden sie gewässert, aufgebrochen und gekämmt (klingt jetzt einfach, sind aber sehr mühsame Prozesse)- dies geschieht so lange, bis einzelne Pflanzenfasern  gewonnen wurden.

Leine ist ein Material, dem eher kühlende Eigenschaften zugeschrieben werden. Es nimmt sehr gut Feuchtigkeit auf und trocknet schnell wieder ab, wodurch eine kühlende Wirkung eintritt. Leinengarne sind nicht sehr wärmeisolierend und eignen sich kaum als Material für Winterbekleidungen. Textilien aus Leine sind oft zu Beginn hart, werden jedoch im Laufe der Zeit deutlich weicher und angenehmer

Ramie

Ramie ist ähnlich wie Leine eine Faser, die aus einer Pflanze (die Ramipflanze gehört zu den Brennesselgewächsen) durch einen besonderen Kochvorgang gewonnen. Die Faser ist sehr weiß und glänzt seidig. Oft wird Ramie Wollfasern (um das Einlaufen zu reduzieren) oder Baumwolle (zum verstärken) beigefügt. Ähnlich wie Leine ist die Faser aber sehr steif und kaum elastisch.

Bambus

Bambusgarne- oder Garne mit Bambus Beimengungen gelten als besonders grün und als gute Alternative zu tierischen Fasern. Dieses grüne Image kommt daher, dass der Anbau von Bambus als besonders umweltfreundlich angesehen wird- neben einer guten Co²-Bilanz, kommen Bambuswälder ohne den Einsatz von Pestiziden oder weitreichender künstlicher Bewässerung aus. Allein aus diesem Punkten lässt sich Bambus als gute Alternative zu tierischen Fasern ableiten. In der Haptik und der Optik ähnelt Bambus der gewöhnlichen Baumwolle sehr. Das Material hat eher kühlende Eigenschaften und lässt sich daher alleine nicht gut für Winterkleidung einsetzen. Oft findet ihr Bambus als Beimischung zu Socken oder Wollgarnen.

Aufgrund der Verarbeitungsprozesses- immerhin handelt es sich bei Bambus um eine Viskosefaser- darf man Bambus aber sicher nicht als umweltfreundliche Allroundlösung für einen nachhaltigen Lebensstil ansehen. Die Gewinnung von Bambusviskose geht oftmals mit sehr umweltschädlichen Abfallstoffen einher. Zwar gibt es deutlich weniger belastende Herstellungsmöglichkeiten, aber ein Großteil der Bambusfasern stammen aus der Chemiefabrik.

Rose, Soja, Banane, Mais

Auch hinter Garnen die mit besonderen Beimenungen wie Muscheln, Seealgen, oder Rose werben, steckt oft eine chemisch erzeugte Faser dahinter. Im Grunde ähneln sich Viskose- oder Lyocellfasern stark. Sie haben oft einen seidigen Glanz und zeichnen sich durch eine feine glatte Oberfläche aus.

Natürlich gibt es noch mehr Naturfasern, die im Hobby-und Handarbeitsbereich einen festen Stand haben, ich habe mich für diesen Artikel auf die Fasern konzentriert, die üblicherweise in Garnen beigemengt werden.

Habe ich eine Faser vergessen, oder habe ich einen Zusammenhang falsch beschrieben oder erklärt? Hinterlasst mir einen Kommentar oder schreibt mir eine Nachricht, damit ich den Fehler schnell verbessern kann.

Nutzt ihr Bambusgarne- oder andere pflanzliche Alternativen zu tierischer Wolle? Was sind eure Erfahrungen mit Garnen pflanzlichen Ursprungs? Hinterlasst mir gerne einen Kommentar

Wollt ihr noch mehr rund ums Thema Wolle und Garne wissen? Schaut doch mal beim ersten Teil der Materialserie vorbei. Oder informiert euch über die verschiedenen Garntypen.

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26 thoughts on “Materialkunde- pflanzliche Fasern

  1. Was für ein interessanter Bericht! Ich habe zwar hier und da schon was über die einzelnen Garne gelesen, aber so ausführlich und gut erklärt wie hier noch nicht. Danke dafür!
    Lieben Gruß
    Gabi

    1. Vielen Dank für dein Lob. Mir war es sehr wichtig einen Artikel zu schreiben, indem alle Informationen zusammenlaufen.
      Liebe Grüße

  2. Danke für den ausführlichen Beitrag!
    Was mir aufgefallen ist: Nennst du es wirklich Leine? Ich kenne es als LeineN und die Faser ist ja eigentlich gar nicht Leinen sondern Flachs. Aber das geht für die meisten HäklerInnen wahrscheinlich schon zu sehr in die Tiefe 🙂 Das mit dem „Leine“ interessiert mich aber doch. Wenn ich mich nicht irre, warst du mal ein bisschen in der Reenact Szene unterwegs und weißt da vielleicht mehr als ich?

    Die Sache mit den Regeneratfasern…nunja. So richtig schön ist das nicht.
    Meine Favoriten sind Leinen, Hanf, Nessel und Bambus. Letztere kann entweder matt oder richtig schön glänzend sein. Mein Favorit ist da die Bamboo Bio von Pascuali. Die hat so einen tollen Glanz und wunderbare Trageeigenschaften. Ich hab mir daraus Abschminkpads gehäkelt und die halten auch mal 90 Grad in der Maschine aus, sind super saugfähig und verlieren ihren Glanz erst nach vielen Wäschen. Hab auch mal eine Kindermütze daraus gestrickt, die sah auf den ersten Blick aus wie aus Merino. Nur schwerer war sie.

    1. Hey hey,
      Danke für deinen Kommentar!
      Ja, ich nenne es wirklich Leine- bin aber sprachlich auch eher die Wildsau in dieser Hinsicht.😅(aber du hast recht, genau genommen heißt es Leinen)
      Flachs wird das Ausgangsmaterial genannt- die aufgebrochenen Fasern haben beide Namen- also Flachsfaser oder Leinen- wobei Leine(n) eine üblichere Bezeichnung für komplexere Gewebe sein dürfte.😇

      Ich habe prinzipiell erstmal nichts gegen Regeneratsfasern, nur gegen das super grüne Image, dass ihnen anhaftet- denn pauschal kann man einfach kaum sagen, dass Bambus oder Soja soviel toller ist.
      Generell finde ich den Glanz von diesem Fasertyp toll und ich hatte auch schon Seegras in der Hand (*schwärm*).

      Du siehst also ganz abgeneigt bin ich davon nicht, nur wird sich zeigen müssen ob Bambus so viel besser für die Bio-Bilanz ist.

      Liebe Grüße

  3. Für diesen interessanten und ausführlichen Beitrag muss ich dir ein großes Kompliment machen. Ich stricke zwar sehr viel, habe mich aber bisher noch nicht so sehr damit beschäftigt, muss ich leider zugeben. Ausser bei Babysachen, da achte ich genau darauf was ich verstricke.
    Liebe Grüße
    Sigrid

    1. Ja, oftmals geht vieles so nebenher- bei mir ist es nicht viel anders. Ich habe immer sehr fasziniert Diskussionen in Strickforen beobachtet, dass gerade Bambus so viel toller sei, da vegan und bio. ich habe nur leider noch keine Gegenüberstellung gefunden, ob nachhaltig und lokal produzierte Wolle (süddeutsches Schaf oder Alpaka von ner relativ lokalen Farm) wirklich so viel schlechter in der Bilanz abschneidet, wie aufwändig produzierte Bambusviskose.
      Liebe Grüße

  4. Zu diesem gut recherchierten Bericht kann ich dich nur beglückwünschen! Ich bin handarbeitstechnisch so talentiert wie ein Affe. Daher dachte nicht, dass mit dem Artikel etwas anfangen kann, ABER du hast mich eines besseren belehrt. Ich kaufe zwar keine Wolle, wohl aber Kleidung! Diese kleine Fasernkunde hilft mir beim Einkaufen echt weiter, da ich doch auf ökologische Produkte achte.

    Herzliche Grüße
    Natalie

    1. Hallo, danke für deinen Kommentar!
      Ja, wir sind von so vielen Textilien umgeben und kennen tatsächlich nur einen kleinen Teil davon wirklich. Auch ich habe viel dazugelernt, als ich hierfür Recherchiert habe.
      Liebe Grüße

  5. Vielen Dank für den interessanten und absolut lesenswerten Beitrag. Ich muss gestehen, dass ich mich bisher noch nie über Fasern, geschweige den pflanzliche Fasern Gedanken gemacht habe. In deinem Beitrag habe ich einiges dazugelernt!
    Danke dafür!

    1. Das freut mich!
      Schon interessant, wir umgeben uns mit so vielen Textilien in unserem Alltagund wissen tatsächlich nur sehr wenig darüber- mir ging es vor dieser Blogserie ja nicht anders.
      Liebe Grüße

  6. Ein wirklich sehr interessanter Beitrag! Besonders deine Ausführungen über chemische Herstellungsprozesse fand ich äußerst interessant, bin ich als Chemiker ja irgendwie „vom Fach“. 🙂
    Liebe Grüße, Ina

    1. Danke für deinen Kommentar! Es freut mich ungemein, dass ich das nicht ganz banane erklärt habe. ich war nämlich immer grottig in Chemie.
      Liebe Grüße

  7. Ich kenne mich in der Thematik nicht so aus, aber finde es echt erstaunlich wie viele unterschiedliche Fasern es doch gibt.

    Danke für den ausführlichen Beitrag.

    LG
    Zimo

    1. Und es gibt noch bedeutend mehr- die ganze gruppe der klassischen chemischen Fasern (Polyester und co.) sowie die tierischen Fasern sind in diesem Beitrag ja noch gar nicht abgedeckt 😉 Ich finde es beeindruckend, welche vielfalt wie zur verfügung haben im Vergleich zu knapp vor 400 Jahren.
      Liebe Grüße

  8. Abgesehen davon, dass ich bis auf Häkeln nichts mit Garn und Faden anfangen kann, sind das meine absoluten Lieblingstöne 🙂 Ich glaube das ich entweder wenn ich Kinder habe oder älter werde 😉 mich mal wieder mit dem Thema beschäftigen werde! Wobei so denke, dass ich nicht so tief in die Thematik eingehen werde!

    1. Hey! Gerade bei dieser Thematik muss man nicht einmal auf Handarbeiten fliegen- auch Kleidung ist von dieser Thematik betroffen. Baumwollfasern finden in Funktionskleidung ebenso ein Einsatzgebiet wie Viskose. 🙂

  9. Vieles davon kannte ich noch gar nicht, und ich finde es gut, dass es zu tierischen Fasern so viele unterschiedliche und gute Alternativen gibt. Von Schafswolle nehme ich mittlerweile großen Abstand, genau wie von anderen Materialien tierischer Herkunft. Deine Aufstellung ist wirklich sehr hilfreich.

  10. Ich lieeebe Stricken und wenn, dann nu mit pflanzlichen Fasern, find ich einfach viel schöner und besser für die Haut ist es auch, vor allem, wenn es auch noch mit guten Farben gefärbt ist!

    Liebst,
    Ricarda

    1. Ich finde es kommt einfach sehr auf den Zweck an- Baumwolle wärmt leider nicht und daher greife ich gerne auf einen richtigen Wollschal zurück, wenn die Temperaturen fallen.
      Liebe Grüße

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