Mulesing- Was ist das?

Vielleicht seid ihr beim Wolleinkauf schon einmal über das Label „mulesing frei“ gestolpert und habt euch gefragt, was das bedeutet, oder ihr habt schon einmal davon gehört, wisst aber nicht so recht, was es mit Mulesing auf sich hat.

Was Mulesing genau ist und warum mulesing freie Wolle im Zweifel die bessere Wahl sein kann, habe ich heute für euch zusammengefasst.

Mulesing ist keine Sonderausstattung oder Veredelung von Garnen, sondern es bezeichnet eine Praktik, bei der die Haut von Schafen rund um den Schwanz entfernt wird.

Eines vorweg Mulesing ist ein heiß debattiertes Thema und wenn ihr euch auf Tierschutzseiten im Internet umseht, werdet ihr sehr viele Infos zu dem Thema finden und auch dazugehöriges Bildmaterial. Ich habe mich für meinen Beitrag entschieden das Thema möglichst neutral zu betrachten.

Was ist Mulesing?

Mulesing, auch als Mulesierung bezeichnet ist ein Verfahren, bei dem Schafen rund um den Schwanz überschüssige Haut entfernt wird um den Befall von Fliegenmaden zu verhindern. Sollten Schafe von Fliegenmaden befallen sein, drohen ihnen schwerwiegende Infektionen die zum Tode führen können. Soweit klingt das alles nach einer guten Methode- wären da nicht einige Probleme: Mulesing wird bei den Tieren ohne Betäubung oder Schmerzmittel angewendet.

Die Praktik wurde zufällig entdeckt als ein Farmer einem Schaf ausversehen beim Schären ein Stück Haut entfernte. Als er feststellte, dass sich dadurch die Befallsrate verringerte, wendete er dies auch bei den anderen Tieren seiner Herde an. Im Laufe der Zeit wurde das Verfahren verbessert und wird seit etwa 1930 in Australien praktiziert. Später fand die Technik auch in Neuseeland Verwendung.

Mulesing wird vornehmlich bei Lämmern bis zum Alter von einem Jahr angewendet, da sie den Eingriff besser verkraften sollen als ältere Schafe. Aufgrund ihres kleineren Körpers sind auch die zu entfernenden Hautstellen kleiner.

Generell handelt es sich beim Mulesing um ein chirurgisches Verfahren, welches von einer ausgebildeten Fachkraft übernommen wird(oder übernommen werden sollte). Dennoch bleibt noch einmal hervorzuheben: weder während noch nach dem Eingriff werden die Tiere mit Schmerzmitteln versorgt. Ziel ist es, dass an den Stellen, an denen die Hautfalten entfernt wurden, eine glatte vernarbte Fläche entsteht. Das Risiko, dass die so behandelten Tiere an Entzündungen oder Madenbefall sterben ist jedoch nicht zu unterschätzen.

Warum ist Mulesing „nötig“

Mulesing kommt bei der Zucht von Merinoschafen zum Einsatz. Die Praktik war besonders  in Australien oder Neuseeland verbreitet, da hier auch die Fligenart angesiedelt ist, die den Schafen zu schaffen macht. Wolle aus Uruguay oder Patagonien gilt als mulesingfrei, da in diesen Regionen die Fliege nicht vorkommt.

Merinoschafe wurden im Laufe der Zeit so weitergezüchtet, dass ihr kompletter Körper von Falten bedeckt ist. Dies hat den Zweck, möglichst viel Wolle zu produzieren. Bei heißem Wetter sind diese Hautfalten schon problematisch für das Tier, aber besonders um die Schwanzgegend werden diese Falten zu einem richtigen Problem. Rund um den After des Tieres sammelt sich Urin und Kot in diesen Hautfalten. Der Geruch der Ausscheidungen lockt eine bestimmte Fliegensorte an, die sich unter diesen Falten einnistet und sich im feucht-warmen Klima der Haut vermehrt. Die Larven, die diese Fliegen legen, fressen sich buchstäblich in die Tiere ein und verursachen schlimmste Entzündungen und Schmerzen, bis hin zum Tod der befallenen Tiere (Myiasis)

Oft wird argumentiert, dass deutlich mehr Tiere am Larvenbefall zu Grunde gehen würden als durch das Mulesing.

Mulesing scheint also eine Antwort auf zwei Probleme zu sein, an denen die Menschen eine bedeutende Mitverantwortung tragen.

Zum einen sind die übermäßigen Hautfalten auf eine Überzüchtung zurückzuführen, die auf den wirtschaftlichen Ansprüchen der Wollproduktion beruht. Ein Merinoschaf mit mehr Hautfalten, kann pro Tier mehr Wolle produzieren. Gerade Merinowolle wird breit eingesetzt, da sie sehr weich und fein ist und für die Bekleidungs- und Handarbeitsindustrie einen großen Nutzen hat und große Umsätze einbringt.

Zum anderen sind die Fliegen, für die das Merinoschaf mit seinen Hautfalten der perfekte Wirt ist, durch den Handel unter den Kontinenten eingeschleppt.

Kontroversen

Mulesing ist ein heiß und Leidenschaftlich debattiertes Thema. Tierschützer prangern die grausame Art der Durchführung an und verlangen Alternativen. Viele Textilhersteller boykottieren Wolle aus Produktionsbetrieben, die Mulesing anwenden und auch viele Farmer haben sich gegen das Verfahren entschieden. In Neuseeland gibt es seit einigen Jahren ein freiwilliges Verbot und ein Qualitätssiegel.

Auch gibt es einige Alternativen zum chirurgischen Eingriff, wie beispielsweise die biologische Fliegenbekämpfung. Am wirkungsvollsten könnte eine Veränderung des Zuchtstandarts sein, hin zu Merinoschafen mit deutlich kleineren Hautfalten. Dies würde jedoch auch eine Reduktion des Wollgewinns pro Tier bedeuten.

Befürworter des Mulesings führen jedoch an, dass die Alternativen aufwändig in der Umsetzung seien und daher einer wirtschaftlichen Produktion von Wolle im Wege stünden, da sie entweder einen größeren Zeitaufwand bedeuten oder die Produktionsmenge reduzieren.

Alternativen: Mulesingfreie Wolle

Es gibt einige Hersteller, die ihre Wolle mit dem Label „Mulesing frei“ vertreiben. Das ist zwar schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung, aber wirklich sicher ist es, auch darauf zu achten, wo genau die Wolle herkommt. Die Herkunft des Ausgangsmaterials ein guter Indikator, ob die Wolle wirklich von Schafen stammt, die mulesingfrei aufgezogen wurden. Patagonien, Südamerika und Uruguay sind beispielsweise Länder, in denen die Fliegenart nicht vorkommt, Neuseeland konnte ebenfalls seine Bedingungen in der Schafzucht deutlich verbessern. Zumindest im Hobbybereich bietet sich nach einiger Suche die Möglichkeit kleinere Händler zu finden. Hersteller, die mulesingfreie Wolle produzieren sind unter anderem Rosy Green Wool, Malabrigo oder Atelier Zitron.

Ein guter Hinweis ist ebenso, ob das Garn als kbT (kontrolliert biologische Tierhaltung) Garn oder GOTS zertifiziert ist. In beiden Fällen darf kein Mulesing bei den Tieren angwendet werden.

Eine weitere, spannende Alternative zu neuwertiger Merinowolle sind Garne aus recycelter Wolle.

Generell bleibt es aber als Endverbraucher schwierig, wirkliche Sicherheit über die Herkunft der Fasern zu bekommen. Nur einige Hersteller können nachvollziehen, wo genau ihre Fasern herkommen oder geben nur wiederwillig Auskunft. Dennoch lohnt es sich, im Zweifelsfall beim Händler oder beim Hersteller direkt nachzufragen.

Gewöhnliche Wolle hat meist mehrere Stationen hinter sich und es ist kaum nachzuvollziehen, woher die Fasern denn nun tatsächlich stammen.

Mein Fazit

Merinowolle ist ein tolles Material, welches nicht umsonst in der Textilindustrie und im Handarbeitsbereich so gefragt ist. Das Material überzeugt nicht nur in der Haptik, auch die Wärmeeigenschaften sprechen für sich. Dennoch ist das Mulesingverfahren in meinen Augen grausam und wichtiger: nicht alternativlos. Dass es auch ohne die blutige und schmerzhafte Entfernung von Hautfalten geht, zeigen die  Garne und das Material, das mulesingfrei produziert wurde. Für den Endverbraucher bedeutet eine schonendere, qualärmere Wollproduktion allerdings auch einen höheren Preis beim Endprodukt. Zudem besteht durchaus die Gefahr, dass die ursprüngliche Herkunft von Fasern kaum nachvollziehbar sein dürfte, sobald mehrere Stationen auf dem Weg vom Schaf zum Endverbraucher liegen.

Alles Wichtige habe ich für euch nochmal kurz in dieser Grafik zusammengefasst.

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